Sonntag, 7. September 2008

Der eine, einzige Gott

Sure 19: Maria

In einem Kommentar las ich, Mohammed habe in seinen ersten Jahren in Mekka gegen den Widerstand der Mekkaner den Tauhid gepredigt, die Lehre von der Einheit und Einzigkeit Gottes. So hat man offenbar den Kern seiner Lehre verstanden. Ahad ist im Arabischen die Zahl Eins, auf diesen Stamm geht auch Tauhid zurück, die Lehre vom „Eine-Eins-Sein“, um es einmal bewußt holprig auszudrücken.

Auch im Deutschen ist es sprachlich schwer, das eindeutig zu sagen, was wir mit „Monotheismus“ meinen. Dreierlei wird angesprochen, wenn wir Gott die Zahl „Eins“ zuordnen. Erstens ist er allein* (und hat keine gleichwertigen Götter neben sich), zweitens ist er in sich eins (und kein Doppelwesen, d.h. zumindest von Natur aus auch keine Trinität), drittens ist er der erste** (in Bezug auf unsere Verehrung).

Wer in dem Gedanken an die oneness Gottes eine Selbstverständlichkeit oder gar eine Tautologie sehen möchte, kann bei Jack Miles nachlesen, wie komplex der an sich ein-fache Gedanke an den einen Gott werden kann, wenn man ihn in der Geschichte des auf diesen Gedanken eingeschworenen Volkes Israel verfolgt. Ein Gott, der einerseits beansprucht, den Himmel und die Erde geschaffen zu haben, sich andererseits aber auch in das Wohl und Wehe einer Handvoll Schafhirten in Palästina einmischt und über ihrem Geschick eine wechselvolle Führerschaft ausübt, muß sich zwangsläufig der Frage aussetzen, ob es wirklich ein- und dieselbe Instanz ist, die großes Glück beschert, später aber das große Unglück nicht zu verhindern hilft.

Jack Miles sieht in der Geschichte der Israeliten und später in ihrer Wirkung, in dem Spiegel, den sie allen, die darin lesen, auf Jahrhunderte vorgehalten hat, ein Bild des Menschen, der sich im Charakter Gottes wiederfindet und seine eigenen wilden Widersprüche mit der Hilfe des Gottesspiegels miteinander versöhnt.

Die Polytheisten haben es leichter, mit ihrem Himmel voll heller und dunkler Gottescharaktere. Entsprechend lehren sie einen Weg zur Charakterbildung der, grob vereinfachend gesagt, die Widersprüche eher zum Schweigen bringt als zu einem konstruktiven Ringen miteinander. Im Nirwana laufen alle Wellenberge und –täler zu einem großen kosmischen Mantra-Summen ineinander, da ist alles gleich, weil alles gleich gilt.

Vor dem Hintergrund der Überlegungen von Jack Miles gehören die Moslems mit hinein in das von immer weniger Leuten besetzte Boot, in dem die ausharren und rudern, die an einer Einheit hinter der Vielfalt festhalten. Die moderne Physik ist gegen sie, sie hat zuerst den Glauben an eine einheitliche göttliche Macht hinter den sichtbaren Dingen in Frage gestellt. Es kam dann noch schlimmer, denn mittlerweile lehren prominente Physiker*** wohl offenbar auch, daß es überhaupt keine einheitliche innere Macht hinter den äußeren Phänomen gibt und daß selbst der Gedanke an einen Urknall immer noch ein Rest von Monotheismus ist, den es zu überwinden gilt.

Ob sich die Menschen der drei „Religionen des Buches“ verschwören sollten, dem allem entgegenzutreten? Ich weiß es nicht. Zumindest sollten sie wissen, daß sie alle drei im Tauhid untereinander verbunden sind. Das gilt, auch wenn sich der jeweilige Eine Gott in der eigenen Religion in einem solchen Maße andersartig äußert als in den beiden anderen, daß nicht daran zu denken ist, hinter allem stehe ein- und dieselbe Person. Nicht Gott verbindet uns, aber die gemeinsame Blickrichtung unserer Suche.

P.S. In der heutigen Sure wird der Tauhid anhand der Geschichte der Maria erläutert. Nein, Gott hat keinen Sohn, dem man ihm – Abweichung vom reinen Monotheismus! –
beigesellen könnte. Aber es ist dem Koran sichtbar ein Anliegen, die Einzigartigkeit des großen Propheten Isa / Jesus nicht herabzuwürdigen. Deshalb wird zur Zeugung Jesu unser Geist entsandt, und er erschien ihr als vollkommener Mann (Vers 17).

Zu einer direkten Begegnung mit Maria kommt es dann allerdings nicht, Gott schafft Jesus in Marias Schoß durch sein Wort allein.

Die Katholiken lassen den vollkommenen Mann noch einen Schritt nach vorne tun. Ich bin kein Katholik und habe mich nie mit Fragen der unbefleckten Empfängis beschäftigt. Aber hier finde ich mich intuitiv doch auf Seiten der Katholiken. Ein Schritt mehr, nur ein einziger…


*das ist nach meinem Verständnis das auch sprachlich dem Arabischen verwandte JHWH ächad, der HERR allein, aus dem Schmah Jisrael, dem israelische Glaubensbekenntnis aus 5. Mose 6: Schmah Jisrael, JHWH elohenu, JHWH ächad. Höre Israel, der Herr ist dein Gott, der Herr allein (und du sollst den Herrn, deinen Gott lieb haben…)

** dies wiederum entspricht dem erneut gleichlautenden ächad in 1. Mose 1: Nach der Schöpfung von Himmel und Erde wird zusammengefaßt: es wurde Abend, es wurde Morgen, jom ächad, Tag Eins, erster Tag.

*** Interview im Spiegel mit (füge ich noch ein)

Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Monotheismus

Es scheint nicht einfach, einem der beiden Prinzipien, Monotheismus oder Polytheismus, uneingeschränkt treu zu bleiben. Der Polytheismus hat starke Neigung, einen Obergott auszubilden, auch wenn Zeus es ja nicht immer leicht hatte, sich durchzusetzen. Der Monotheismus schafft sich, nimmt man das Christentum als Beispiel, gern ein Heer von Mittlerfiguren. Nicht nur zerfällt der Eine in eine Dreifaltigkeit, Engel und Heilige überbrücken die Distanz zum irdischen Personal. Der Protestantismus hat Engel und Heilige weitgehend abgeschafft und letztlich auch die Trinität, denn die nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit richtet sich auf den Gottessohn. Der wiederum wird aber immer mehr zu einem von uns, und wir sind erschreckend viele. Tatsächlich schwebt der Protestantismus ja nur noch eine Handbreit über dem alltäglichen Atheismus, der sich auch als Polytheismus und Selbstvergötzung der Individuen verstehen läßt.

Wenn es dem Islam tatsächlich gelungen ist, den Einen rein zu halten, lohnt es schon zu erforschen, wie das möglich war und auch, welche Folgen das für die Denkstruktur seiner Anhänger hat.

Nureddin Öztas hat gesagt…

Lieber Herr Runkel,



Sie haben es richtig erfasst, dass der Islam alle Religionen als den selben ansieht. Das darf nicht verwundern, weil diese Religionen vom selben Gott an die Menschheit herab gesandt sind, zumindest die monotheistischen. Islam sieht sich als das Glied der selben Kette an, quasi wie ein Update. Als Nicht-Muslim kann man das Argument besser verstehen, wenn man den Begriff Islam richtig begreift. Islam heisst Gottergebenheit, in Frieden sein. Goethe sagt: Wenn Islam Gottergebenheit heißt, dann leben und sterben wir alle im Islam. Die Kernaussage des Islam ist ja Gott ist eins, Mohammed/ Jesus/ Moses usw. sind seine Propheten und Diener. Wer dem zustimmt darf sich als Muslim nennen, sogar sich weiter als Christ, Jude etc. weitersehen. Denn mit dem Islam tritt man nicht in eine ferne orientalische Religion und verlässt eigenes Territorium, vielmehr perfektioniert man seinen Glauben.



Sie haben es auch richtig erfasst, dass es im Islam keine Erbsünde gibt. Kein Kind darf für die Sünden seiner Eltern zur Rechenschaft gezogen werden. Jedes Kind was auf die Welt kommt ist rein und völlig frei von Sünden. Katastrophen, Schicksalsschläge etc. sind schmerzhaft und nicht wünschenswert. Jedoch betreffen sie unsere Diesseits. Egal was uns hier passiert, ist im Vergleich mit Jenseits Nichts. Ausserdem wird jeder schmerz, Leid etc hier im Jeseits quasi mit Gold aufgewogen. Wir werden „ insallah“ das alle erleben und zugeben im Vergleich was Du uns vorberetest hast gütiger Gott war das andere ein Korn in der Wüste. Meiner Meinung nach legen Nicht-Muslime viel zu viel Wert auf Diesseits als die Muslime.


Mit lieben Grüßen,

Nureddin Öztas