Montag, 22. September 2008

Was ist wirklich geschehen?

Sure 28: Die Geschichte
Sure 29: Die Spinne

Wir verlesen dir etwas von der Geschichte Moses und Pharaos der Wahrbeit gemäß für ein gläubig Volk. So steht es am Anfang der Sure 28 in Vers 2.

Wem die häufige Nennung des Mose im Koran auffällt, der kann in der Suchmaschine von Serchtruth bestätigt finden, daß er tatsächlich in 134 Versen des Korans vorkommt, überwiegend in den ersten 40 Suren. Abraham folgt mit 80 Versen, Noah mit 56, dann Maria und Jesus. Die Geschichten von Mose haben meistens einerseits einen festen, immer gleichen Kern - die Gegenüberstellung mit dem Pharao, die beiden Wunder mit Stock und Schlange und der plötzlich aussätzigen Hand - und andererseits eine Fülle von Varianten in Bezug auf den Blickwinkel, aus dem die Geschichte erzählt wird.

In Sure 28 wird ausführlich die Geburt und Kindheit des Mose erzählt, seine Aussetzung im Nil, seine Erziehung am Hof des Pharao. Ich kann mir vorstellen, daß hier Passagen vorkommen, denen man in der Moschee sitzend gerne zuhört, es wird teilweise sehr lebendig erzählt. Der Koran verfügt, wenn man es rein historisch betrachtet, offenbar über andere Quellen als das Alte Testament und bringt neue Farben in die alten Bilder, erzählt bekannte Geschichten anders.

Eine der einschneidensten Änderungen findet sich gleich zu Beginn der Sure, wo in Vers 3 gesagt wird: Siehe, Pharao war hoffärtig im Land und machte sein Volk zu Parteien; einen Teil davon schwächte er, indem er ihre Söhne schlachtete und nur die Mädchen leben ließ. Andere Übersetzungen sagen "Gruppen" oder "Sektionen", es ist jedenfalls klar, daß hier kein jüdisches Fremdvolk unter den Ägyptern lebt, gar nicht zu reden von einem auserwählten Volk mit einer besonderen Gottesoffenbarung.

Das wäre also die Wahrheit des Koran, eine andere Wahrheit als die der Bibel. Dort bemüht sich ein mit Namen genannter Stammesgott JA oder JHWH darum, seinem kleinen Volk beizustehen, es aus Ägypten zu führen, ihm eine ethische Grundordnung zu geben und ihm später einmal das Leben in einem Land zu ermöglichen, in dem Milch und Honig fließt (2. Mose 3,8). Auch er nennt sich mit vollem Recht Allah, Elohim, Gott, denn er hat die Welt erschaffen. Er hat sich aber zu seinem Dienst und zu seiner Ehre nur ein einziges, mit ansonsten keinen Vorzügen gesegnetes Volk erwählt und den anderen Völkern seine Barmherzigkeit dadurch unzugänglich gemacht.

Die Propheten des JHWH verkünden allerdings eine Ahnung davon, daß Gott sich eines Tages auch so offenbaren wird, daß alle Menschen ihn anbeten können. Als dann in Jesus diese Öffnung real möglich wird, spaltet sich das Judentum auf - in einen messianischen Flügel (die Christen) und einen Flügel, der die sozusagen internationale Ausweitung des JHWH-Glaubens erst in der Zukunft erwartet und "exklusiv" jüdisch bleibt.

Der Koran erzählt die Geschichte anders. Der Gott, der schon den Stammvater Abraham, viele Generationen vor Mose, zu einem gläubigen Moslem gemacht hat, unterscheidet nicht nach Juden und anderen Völkern. Er wählt sich Propheten aus, die allen Menschen sagen, daß Gott nur einer ist, daß man das Gebet verrichten, die Armenspende geben und im Bewußtsein leben soll, daß es eines Tages eine Heimkehr zu Gott geben wird - unterschiedslos für alle.

Im Reden des moslemischen Propheten Mose mit dem skeptischen, ungläubigen Pharao wird wieder - ähnlich wie im Beispiel der Ameise aus Sure 27 - eine komplizierte menschliche Geschichte durch eine Auslassung vereinfacht. Ein Prophet (wie Salomo) hat keine menschlichen Schwächen, die ihn verächtlich mit einer Kreatur sprechen lassen würden. Ein Gott (wie der Gott des Koran) hat keine wechselvolle Geschichte mit einem zweit- oder drittklassigen Volk, in dem immer wieder seine eigene Ehre (Gottes Ehre!) auf dem Spiel steht.

Sollte man diese Gegensätze so stehen lassen und dem einen Teil der Menschen erlauben, an einen sozusagen dialektischen, ja widersprüchlichen Gott zu glauben und dem anderen Teil seinen in sich geschlossenen, undialektischen Gott lassen? Ich fürchte, daß das zu einfach ist und möchte die Frage deshalb zunächst so nicht stellen.

Aber was macht der Koran, wenn sich seine Darstellung als falsch erweist? Schon das Beispiel der Ameisen-Geschichte enthält eine offenkundige Kürzung und Schönung. Das Beispiel des Mose-Volkes enthält ebenfalls Korrekturen, die nicht stimmen können - etwa die Erwähnung des Haman (Vers 5), der in die Geschichte der Königin Esther gehört, Jahrhunderte später spielend. Wie lebt man damit und glaubt, wenn die "äußere" Wahrheit, der wirkliche Verlauf der Geschichte so offenkundig gegen den eigenen Glauben steht?

Kommentare:

Nureddin Öztas hat gesagt…

Lieber Herr Runkel,
es ist eine Namensverwechslung. Die Rede ist vom : "Und Pharao sprach: «O Hámán, baue mir einen Turm, so daß ich die Wege der Annäherung erreiche, " Sure 40/36. Es gibt im Koran keine Widersprüche zur Geschichte oder Wissenschaft.Alle Menschen beinhalten Attribute Gottes als Spiegelbilder. Je nach dem welcher Spiegel vorliegt kommen die Einen oder auch die Anderen vor. Propheten vereinen gleich viel mehr Attribute Gottes (auch ein Grund für Ihre Größe). Mose wird deshalb so oft genannt, weil er den Gottesnamen "Mütekellim" inne hat. Es bedeutet Sprecher, Verkünder und für den Koran als das umfangreichste Buch Gottes trifft dieser Name ebenfalls zu.
Mit lieben Grüßen,
Nureddin Öztas

Mo hat gesagt…

Was spricht eigentlich dagegen, dass es mehr als einen Menschen in der Menschheitsgeschichte gab, der "Haman" hieß?

Christian Runkel hat gesagt…

Mo, eine vieldiskutierte Frage! Ein Franzose hat zur Beantwortung sogar Hieroglyphen untersucht und einen Haman bei Pharao gefunden, siehe Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Haman. Seine Ergebnisse sind umstritten. Die Vermutung, mit dem Haman der Bibel und mit dem im Koran sechs mal erwähnten Namensvetter sei ein und dieselbe Person gemeint (und dabei verwechselt), ist offenbar alt. Für die Vermutung spricht, daß sehr viele Personen des Koran und der Bibel identisch sind. Aber es muß nicht so sein, das sehe ich auch so! Für mich irritierender ist, daß bei der Mose-Geschichte keine Juden vorkommen. Warum läßt der Koran sie aus?