Donnerstag, 25. September 2008

Häusliche Querelen

Sure 33: Die Verbündeten

In dieser Sure besteht offenbar Klärungsbedarf, nach einigen Querelen im Hause des Propheten . Erneut wird er für etwas angegriffen, gegen das er sich verteidigen muss, diesmal im Zusammenhang mit seinen vielfältigen Ehen.

Er hat die geschiedene Frau seines adoptierten Sklaven Seid geheiratet, das war nach altem Recht nicht gestattet, so daß die Sure hier neues Recht schaffen muß. Sie tut das, indem sie gleichzeitig eine Reihe von neuen Regeln aufstellt, die ab jetzt für den Hausstaat des Propheten gelten sollen – etwa das Gebot, nicht einfach ohne Einladung sein Haus zu betreten, und das Gebot, nach dem Besuch dort still und ruhig auseinanderzugehen. Es ist nach allem ein Haus eines Fürsten, in welchem man sich dezenter verhält als in den Häusern von Bürgern.

Mohammed darf bis zu einer bestimmten Grenze weitere Ehen eingehen, und darf aus bestehenden Ehen auch wieder Frauen entlassen. Seine Frauen gelten allerdings, auch wenn sie entlassen worden sind, als Mütter der Gläubigen (Vers 6) und sind als solche nicht mehr berechtigt, erneut zu heiraten.

Das alles kann man mit etwas Fantasie für ältere Kulturen, in denen es die Polygamie gab, sicherlich verstehen und einordnen. Was allerdings als Frage übrig bleibt, ist, ob ein realistisches Bild vom menschlichen Auf und Ab im Leben des Propheten nicht angemessener wäre als das ewig schöne und ewig tugendhafte Bild, an dem die Moslems festhalten. Friede sei allezeit mit dem Propheten! Aber war er nicht am Ende doch - ein Mensch?

In Sure 27 gab es ja die Stelle, wo ein etwas unfreundliches Auftreten des Propheten Salomon gegenüber einer kleinen Ameise ganz offenbar aus der Geschichte „geschnitten“ wurde. Propheten sind zur Kreatur nicht unfreundlich, das soll dieser Schnitt verdeutlichen.

Propheten sind auch zu ihren Gattinnen nicht unfreundlich, selbst wenn es viele sind und die Liebe zu der einen oder anderen erkaltet sein mag. Das will ich gerne akzeptieren und insofern in Frieden mit meinen moslemischen Nächsten leben.

Ich denke aber, daß ich mein Verständnis meiner eigenen christlichen Propheten ebenfalls offenlege sollte. Auch das dient ja dem Frieden. Bei uns haben die Propheten häufig ein wenig Dreck am Stecken, und unsere Verehrung baut eher darauf, daß sie mitten in ihrer eigenen Unvollkommenheit eine göttliche Wahrheit über ihrem Leben gefunden haben.

Es gibt im Koran, sagt Herr Öztaş in seinem Kommentar zu Sure 28, keine Widersprüche zur Geschichte oder Wissenschaft. Aber es gibt Stellen, die ausgelassen werden, damit ein Bild eindeutiger und sozusagen runder wird – wie das Bild des Salomo / Suleiman in Sure 27.

Übrigens hat Herr Öztaş einen wunderbaren Kommentar zu Sure 18 geschrieben, in dem er das mystische Sehen von geheimnisvollen Lichtgestalten beschreibt. Sie werden uns nicht direkt präsentiert, sondern wie hinter einem Vorhang. Hier bin ich wieder ganz bei Nureddin Öztaş (sein Vorname ist ein Programm, mir nur, dem Licht, und din, der Religion) – aber zwischendrin, da wo man noch nicht so weit ist, den mystischen Blick zu entwickeln, zwischendrin – mit welchen Augen liest man da?

Kommentare:

Peter Oberschelp hat gesagt…

... ob ein realistisches Bild vom menschlichen Auf und Ab im Leben des Propheten nicht angemessener wäre als das ewig schöne und ewig tugendhafte Bild, an dem die Moslems festhalten.

Das führt mich zu einem generellen Eindruck, der ganz und gar nicht neu ist, der mir aber erst beim Lesen dieser Wanderungen klar geworden ist: Der heute gelebte, sagen wir: der reale Islam ist nicht bereit, Nennenswertes von seinen Traditionsbeständen preiszugeben, auch wenn sie inzwischen scher verdaulich sind, das reale Christentum, insbesondere der deutsche Protestantismus, ist es nur allzu sehr. Das Alte Testament wird, abgesehen von einigen netten Stellen, inzwischen als irgendwie unanständig mehr oder weniger verschwiegen, und auch beim neuen Testament hat man den Eindruck, die Kirchenverantwortlichen schauen ständig besorgt die Texte auf und ab, ob vielleicht noch irgendetwas abzuschleifen sei, das den Mainstream von Demokratie, Menschenrechten (Davila: Und was ist mit Gottes Rechten?), Gleichberechtigung aller, neuer Rechtschreibung und Nichtrauchertum belästigen könnte. Bei mir befestigt sich täglich mehr der Eindruck, daß der deutsche Protestantismus allenfalls noch eine Handbreit über dem realen Alltagsatheismus schwebt. Die (deutschen) Katholiken sind ihrerseits zu nicht geringem Teil von der Angst geschüttelt, demgegenüber als rückständig zu gelten.

Islam und Christentum, wo ist das Geistkind in der Mitte?

Nureddin Öztas hat gesagt…

Geschrieben von Fethullah Gülen
Mittwoch, 31 Mai 2006
Einige Kritiker des Islam haben dem Propheten, entweder weil sie nicht genau wussten, was es mit seinen Ehen auf sich hatte, oder weil sie ihn als einen zügellosen Wüstling verunglimpfen wollten, Charakterschwächen vorgeworfen, die schon mit einer durchschnittlichen Tugendhaftigkeit kaum vereinbar sind, geschweige denn mit der eines Propheten und des letzten Gesandten Gottes, dem besten aller Vorbilder, dem die ganze Menschheit folgen soll. Die Fakten, die den vielen Biografien und den authentischen Aufzeichnungen der Aussagen und Handlungen des Propheten zu entnehmen sind, verdeutlichen jedoch, dass seine Ehen Bestandteile eines äußerst diszipliniert geführten Lebens waren und sogar eine große Belastung für ihn darstellten.

Es gibt viele Gründe dafür, dass der Prophet gleich mehrere Frauen heiratete. Alle diese Gründe hatten, selbst wenn man den privaten Charakter einiger von ihnen berücksichtigt, mit seiner Rolle als Oberhaupt der neuen islamischen Gemeinschaft zu tun, mit seinem Wunsch also, seiner Anhängerschaft die Normen und Werten des Islam nahe zu bringen.

Der Prophet heiratete erstmals im Alter von 25 Jahren - 15 Jahre, bevor er zum Propheten berufen wurde. Unter Berücksichtigung seines kulturellen Umfelds oder auch anderer Gesichtspunkte wie seiner Jugend, ist es durchaus als bemerkenswert einzustufen, dass er auf Grund seiner Keuschheit, aber auch auf Grund seiner Integrität und Zuverlässigkeit in allen anderen Bereichen einen überaus guten Ruf genoss. Als ihm das Amt des Propheten übertragen wurde, machte er sich sehr schnell Feinde, die sich nicht scheuten, Verleumdungen über ihn zu verbreiten. Doch nicht ein einziges Mal wagte es einer von ihnen, dem Propheten etwas anzudichten, was niemand hätte glauben können. Man muss sich ganz bewusst machen, dass sein Leben von Anfang an auf Keuschheit und Selbstdisziplin gründete und dass dies auch immer so blieb.

Im Alter von 25 Jahren, in der Blüte seines Lebens, heiratete Muhammad Khadidscha, eine Frau, die 15 Jahre älter war als er. Diese Ehe war in den Augen des Propheten und Gottes etwas sehr Außergewöhnliches. 23 Jahre lang war sein Leben mit Khadidscha von immer währender Freude und vollkommener Treue geprägt. Selbst seine Gegner gaben zu, dass während der langen Jahre seiner Ehe kein einziger Makel seine Moral trübte. Zu Lebzeiten Khadidschas nahm der Prophet keine andere Frau, obwohl die öffentliche Meinung ihm dies durchaus zugestanden hätte. Im achten Jahr seiner Prophetenschaft jedoch starb Khadidscha, und der Prophet war wieder genauso allein, wie er es bis zu seinem 25. Lebensjahr gewesen war, nur dass er jetzt Kinder hatte. Nach ihrem Tod blieb Muhammad vier oder fünf Jahre lang unverheiratet. All seine anderen Eheschließungen erfolgten erst nach seinem 53. Lebensjahr, in einem Alter also, in dem der Mensch normalerweise nur noch ein sehr geringes Interesse an einer Heirat verspürt. Der Vorwurf, diese Ehen seien ein Beweis für seine Lüsternheit und Maßlosigkeit, entbehrt nicht nur jeder Grundlage, sondern ist auch bösartig.

Oft wird gefragt: Wie kann ein Prophet mehr als eine Frau ehelichen? Für die Beantwortung dieser Frage sind drei Punkte entscheidend. Zunächst aber sollte festgestellt werden, wer diese Frage eigentlich stellt, nämlich zumeist Christen und Juden (Buchbesitzer) oder Atheisten. Diese Menschen wissen naturgemäß nicht viel über den Islam. Sie fragen entweder aus echter Unwissenheit oder aus dem Wunsch heraus, andere zu täuschen und Zweifel unter den Gläubigen zu verbreiten.

Weiterhin wird oft vergessen, dass auch die bedeutenden jüdischen Patriarchen, die in Bibel und Koran als Propheten bezeichnet und von den Anhängern der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam als Vorbilder in Sachen moralischer Stärke verehrt werden, alle die Polygamie praktizierten.

Die Polygamie ist keine Erfindung der Muslime. Was den Propheten des Islam betrifft, so werden wir sehen, dass seine Ehen für seine Mission eine weitaus größere Bedeutung hatten, als die Menschen gemeinhin glauben.

Dass der Prophet mehrere Frauen ehelichte, war in gewisser Hinsicht sogar eine Notwendigkeit, durch deren Praxis (oder Sunna) die Statuten und Normen des muslimischen Gesetzes etabliert werden sollten. Die Religion darf nicht von den privaten Beziehungen zwischen Eheleuten und von Angelegenheiten, die nur die Partner voneinander wissen können, ausgeschlossen werden. Deshalb sollten Frauen mit klaren Anweisungen und Ratschlägen Rechtleitung geben können, ohne auf Anspielungen und Andeutungen zurückgreifen zu müssen, die das, was sie mitzuteilen haben, unklar und unverständlich erscheinen lassen. Die keuschen und tugendhaften Frauen des Propheten waren Lehrmeisterinnen, die dafür verantwortlich waren, den Menschen die Normen und Regeln, die das Verhalten der Muslime in ihrem Privatleben betreffen, zu vermitteln und weiterzugeben.

Einige Ehen des Propheten Muhammad wurden aus ganz bestimmten Gründen geschlossen:

Da sich unter ihnen Frauen jüngeren, mittleren und gesetzten Alters befanden, konnten die Erfordernisse und Normen des islamischen Gesetzes vor dem Hintergrund verschiedener Lebensabschnitte und Erfahrungen dargestellt werden. Die einzelnen Bestimmungen dieses Gesetzes wurden zunächst in der Familie des Propheten erlernt und angewandt, bevor sie dann über die Unterweisung der Frauen des Propheten an andere Muslime weitergegeben wurden.
Die Tatsache, dass seine Frauen aus unterschiedlichen Familien und Stämmen kamen, ermöglichte dem Propheten, Bande der Verwandtschaft und Verbundenheit zu knüpfen, die sich durch ganz Arabien zogen. So gelang es ihm, unter den Menschen der neuen muslimischen Gemeinschaft eine tiefe Verbundenheit zu ihm zu herzustellen. Er schaffte es auf äußerst praktische Art und Weise, Gleichheit und Brüderlichkeit auf der Grundlage der Religion unter ihnen zu schaffen und zu bewahren.
Jede einzelne seiner Frauen aus den verschiedenen Stämmen erwies sich zu Lebzeiten des Propheten und auch nach seinem Tod als großer Gewinn für die Sache des Islam. Sie alle übermittelten ihren Stämmen seine Botschaft und verdeutlichten ihnen wichtige Punkte: äußerliche und innerliche Erfahrungen, die Qualitäten, die Verhaltensweisen und den Glauben ihres Mannes, dessen Leben in allen - öffentlichen wie privaten - Einzelheiten die Verkörperung des Koran darstellte, und den Islam in der Praxis. So erfuhren alle Stammesangehörigen, Männer wie Frauen, vom Koran, von den Hadithen, vom Tafsir (Interpretation und Kommentar des Koran) und vom Fiqh (Gesetzeswissenschaft des Islam) und lernten so die Essenz und den Geist des Islam kennen.
Durch seine Ehen knüpfte der Prophet Muhammad ein Netz von verwandtschaftlichen Beziehungen, das die gesamte Arabische Halbinsel umspannte. Dies bedeutete, dass er sich frei bewegen konnte und in jeder Familie als Familienmitglied betrachtet wurde. Alle hatten das Gefühl, persönlich zu ihm gehen und ihn zu allen möglichen Themen befragen zu können. Aber nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch die Stämme profitierten von ihrer Nähe zum Propheten. Sie schätzen sich glücklich und waren stolz auf die Frauen, die mit ihm verheiratet waren - die Ummayaden etwa auf Umm Habiba, die Haschemiten auf Zaynab bint Dschahsch und die Banu Makhzum auf Umm Salama.
Was bis zu diesem Punkt gesagt wurde, war sehr allgemein gehalten und lässt sich teilweise auch auf andere Propheten übertragen. Doch nun wollen wir uns den Lebensläufen der Ummahat al-Mu'minin (der Mütter der Gläubigen) zuwenden, und zwar nicht in der Reihenfolge ihrer Eheschließungen mit dem Propheten, sondern aus einer anderen Perspektive:

Khadidscha war die erste Frau des Propheten. Als sie heirateten, war sie 40, Muhammad 25 Jahre alt. Sie war die Mutter aller seiner Kinder mit Ausnahme seines Sohnes Ibrahim, der nicht lange lebte. Khadidscha war ihrem Mann nicht nur Ehefrau, sondern auch Freundin. Sie teilte seine Interessen und Ideale auf bemerkenswerte Art und Weise. Ihre Ehe war sehr glücklich. 23 Jahre lang lebten sie in vollkommener Harmonie zusammen. Bei jeder von den Götzendienern vorgebrachten Beleidigung und Schmähung gegen den Propheten stand Khadidscha ihm als seine liebste Gefährtin und Helferin zur Seite. Er liebte sie von ganzem Herzen und heiratete zu ihren Lebzeiten keine andere Frau.

Diese Ehe ist allen anderen Ehen ein Vorbild an Vertrautheit, Freundschaft, gegenseitigem Respekt, Unterstützung und Trost. So wie sich der Prophet Muhammad all seinen Frauen gegenüber aufrichtig und treu verhielt, vergaß er Khadidscha auch nach ihrem Tod niemals. Bei vielen Gelegenheiten sprach er ausführlich über ihre Tugenden und Verdienste. Der Prophet heiratete erst vier oder fünf Jahre nach ihrem Tod erneut. Er sorgte für seine Kinder, und indem er sich darum kümmerte, dass sie genug zu essen bekamen, und sich mit ihren Sorgen und Nöten auseinander setzte, nahm er die Pflichten von Mutter und Vater gleichzeitig wahr. Diesem Mann vorzuwerfen, er sei ein Genussmensch oder gar ein Schürzenjäger gewesen, ist die abscheulichste und dümmste Lüge, die man sich vorstellen kann: Denn wenn auch nur ein einziges Fünkchen Wahrheit in dieser Behauptung läge, hätte er nach dem Tod seiner Frau nicht so leben können, wie er es tat.

Aischa war Muhammads zweite Frau, wenn auch nicht in der Reihenfolge seiner Trauungen. Sie war die Tochter seines engsten Freundes und ergebensten Anhängers Abu Bakr. Als einer der Ersten, die zum Islam übergetreten waren, hatte Abu Bakr lange Zeit gehofft, die tiefe Zuneigung zwischen ihm und dem Propheten dadurch zementieren zu können, dass er ihm seine Tochter zur Frau gibt. Dadurch, dass der Prophet Aischa heiratete, zeichnete er einen Mann aus, der während seiner gesamten Mission als Prophet gute wie schlechte Zeiten mit ihm teilte.

Aischa, die sich als eine überaus intelligente und weise Frau erwies, verfügte außerdem über die Persönlichkeit und das Temperament, die Mission des Propheten weiterzuführen. Ihre Ehe war ihr eine Lehrzeit, in der sie auf ihre Rolle als spirituelle Führerin und Lehrerin für alle Frauen dieser Welt vorbereitet wurde. Sie wurde eine der wichtigsten Schülerinnen und Mitstreiterinnen des Propheten. In seiner Obhut reiften ihre Fähigkeiten und Talente - wie die von so vielen anderen Muslimen jener gesegneten Zeit - heran und vervollkommneten sich, sodass sie an einem Ort der Freude als Ehefrau und Schülerin mit ihm zusammenlebte.

Ihr Leben und ihre Verdienste um den Islam nach ihrer Heirat bewiesen, dass sie es wert war, die Frau des Propheten zu sein. Im Laufe der Zeit bewährte sie sich als eine der angesehensten Hadith-Autoritäten, als ausgezeichnete Koran-Exegetin und als hervorragende und kenntnisreiche Expertin des islamischen Rechts. Mit ihrer einzigartigen Intelligenz repräsentierte sie in der Tat die inneren und äußeren Qualitäten und Erfahrungen des Propheten Muhammad.

Umm Salama stammte aus dem Stamm der Makhzum und war zunächst mit ihrem Cousin verheiratet. Das Ehepaar hatte den Islam gleich in den Anfangstagen angenommen und war nach Abessinien geflüchtet, um den Nachstellungen der Quraysch zu entgehen. Nach der Rückkehr aus Abessinien emigrierten beide mit ihren vier Kindern nach Medina. Ihr Ehemann nahm an vielen Kriegszügen teil und erlitt bei der Schlacht von Uhud schwere Verletzungen, an denen er später starb. Abu Bakr und Umar machten Umm Salama einen Heiratsantrag, da sie um ihr schweres Schicksal als mittellose Witwe, die ihre Kinder versorgen musste, dies aber kaum allein schaffte, wussten. Sie lehnte ihre Anträge jedoch ab, da sie der Meinung war, niemand könne ihr den verstorbenen Gatten ersetzen.

Einige Zeit später machte ihr der Prophet selbst einen Antrag, was nur recht und anständig war. Denn diese großartige Frau, die sich nie gescheut hatte, für ihren Glauben an den Islam Opfer zu bringen und zu leiden, war nun ganz auf sich allein gestellt, nachdem sie viele Jahre lang im edelsten Stamm Arabiens gelebt hatte. Sie durfte nicht hängen gelassen und zum Betteln gezwungen werden.

Auf Grund ihrer Frömmigkeit, ihrer Aufrichtigkeit und allen Leids, das sie ertragen musste, verdiente sie es zweifellos, Unterstützung zu erhalten. Als der Prophet sie in seine Familie aufnahm, tat er nur das, was er schon seit seiner Jugendzeit getan hatte: Er war denen ein Freund, die keine Freunde hatten, versorgte diejenigen, die ohne Unterstützung dastanden, und beschützte jene, die schutzlos waren. In der Situation, in der sich Umm Salama befand, hätte man ihr das, woran es ihr mangelte, nicht liebenswerter oder barmherziger zukommen lassen können.

Umm Salama war ähnlich intelligent wie Aischa. Auch sie besaß eine schnelle Auffassungsgabe und brachte alle Fähigkeiten und Talente mit, um eine spirituelle Führerin und Lehrerin zu werden. Als der großzügige und mitfühlende Prophet sie unter seinen Schutz stellte, erhielt die Schule des Wissens und der Rechtleitung damit gleichzeitig eine neue Schülerin, der später alle Frauen dieser Welt zu Dank verpflichtet sein sollten. Wir wollen uns an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass der Prophet zu jener Zeit auf das Alter von 60 Jahren zuging. Dass er eine Witwe mit mehreren Kindern zur Frau nahm und die damit verbundenen Verpflichtungen und finanziellen Belastungen auf sich nahm, kann nur mit demütiger Bewunderung für die unerschöpflichen Reserven seiner Menschlichkeit und seines Mitgefühls zur Kenntnis genommen werden.

Umm Habiba war die Tochter von Abu Sufyan, der lange Zeit der entschlossenste Feind der Mission des Propheten sowie der entschlossenste Unterstützter des Unglaubens war. Dennoch gehörte seine Tochter zu den Ersten, die den Islam annahmen. Sie wanderte nach Abessinien aus, weil sie von den Ungläubigen verfolgt wurde. Dort starb ihr Mann und ließ sie ganz allein und völlig verzweifelt im Exil zurück.

Welche Optionen blieben Umm Habiba angesichts dessen? Sie hätte zum Christentum übertreten und auf die Unterstützung der Christen hoffen können. Das aber erschien ihr undenkbar. Sie hätte in das Haus ihres Vaters zurückkehren können, das inzwischen zu einer Art Kommandozentrale im Krieg gegen den Islam geworden war. Aber auch das konnte sie sich nicht vorstellen. Sie hätte als Bettlerin von Haus zu Haus ziehen können. Für jemanden, der zu einer der wohlhabendsten und edelsten arabischen Familien gehört hatte, schied aber auch diese Option aus, da sie Schande über den Namen der Familie gebracht hätte.

Gott jedoch entschädigte Umm Habiba für alles, was sie verloren oder für den Islam geopfert hatte: Sie hatte ein einsames Exil in einer unsicheren Umgebung unter Menschen, die einem anderen Volk und einer anderen Religion als der ihren angehörten, erdulden müssen. Als der Prophet von ihrer misslichen Lage erfuhr, ließ er ihr durch den Negus einen Heiratsantrag übermitteln; und das zu einer Zeit, da er erst sehr wenige Gefährten um sich geschart hatte. Materielle Mittel, um sich selbst geschweige denn andere zu versorgen, standen ihm kaum zur Verfügung. Damit handelte er ebenso ehrenhaft wie großzügig und erbrachte den praktischen Beweis für den Vers: Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten. (21:107)

Durch diese Heirat verknüpfte der Prophet sich und seine Familie mit der mächtigen Familie Abu Sufyans, was diese dazu veranlasste, ihre Haltung zum Islam zu überdenken. Der Einfluss dieser Heirat ging fortan weit über die Familie Abu Sufyans hinaus und erstreckte sich bis auf die Dynastie der Umayyaden, die fast 100 Jahre lang an der Spitze der Muslime standen. Dieser Stamm, dessen Angehörige den Islam mit so fanatischem Hass bekämpft hatten, brachte einige der berühmtesten Kämpfer, Verwalter und Befehlshaber der Frühzeit des Islam hervor. Der entscheidende Umschwung kam zweifelsohne mit der Heirat von Muhammad und Umm Habiba. Das Ausmaß der Großzügigkeit und des Edelmuts des Propheten überwältigte ihre Angehörigen.

Zaynab bint Dschahsch war ebenfalls edler Abstammung und dazu eine nahe Verwandte des Propheten. Darüber hinaus war sie eine äußerst fromme Frau, die viel fastete, lange Nachtwachen hielt und großzügig für die Armen spendete. Als der Prophet für Zayd um Zaynabs Hand anhielt, waren Zaynab und ihre Familie zunächst nicht einverstanden. Die Familie hatte gehofft, ihre Tochter dem Propheten zur Frau zu geben. Als sie aber erkannten, dass die Heirat Zaynabs und Zayds dem Wunsch des Propheten entsprach, willigten sie ein, weil sie den Propheten liebten und seine Autorität respektierten.

Wie bereits erwähnt schloss der Gesandte Gottes die Ehe zwischen den beiden, weil er mit ihr heidnische Bräuche außer Kraft setzen wollte: Ein freigelassener ehemaliger Sklave konnte damals keine in Freiheit geborene Frau heiraten. Auch Rassenvorurteile verboten eine solche Heirat (Zayd war schwarz, Zaynab nicht), und außerdem durfte ein Adoptivvater nicht die Exfrau oder Witwe seines Sohnes heiraten. Muhammad bestand darauf, dass Zayd Zaynab heiraten sollte, weil er ein Ideal verwirklichen und unter den Muslimen Gleichheit schaffen und etablieren wollte.

Die Ehe war aber weder für Zaynab noch für Zayd glücklich. Zaynab, eine Frau edler Abstammung, war eine gute und sehr fromme Muslimin mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Zayd, der freigelassene ehemalige Sklave, gehörte zu den Ersten, die den Islam angenommen hatten, und auch er war ein guter Muslim. Beide liebten den Propheten und gehorchten ihm, aber ihre Ehe war für beide Seiten unerträglich, da die Ehepartner einfach nicht zueinander passten. Zayd brachte bei mehreren Gelegenheiten den Wunsch vor, die Ehe scheiden zu lassen. Der Prophet jedoch bestand darauf, Zayd sollte an ihr festhalten und sich nicht von Zaynab trennen. Eines Tages aber, Muhammad führte gerade ein Gespräch, kam der Erzengel Gabriel und überbrachte ihm eine Offenbarung Gottes.[1] In dem betreffenden Vers wurde die Heirat des Propheten mit Zaynab verkündet und als eine Verbindung dargestellt, die bereits bestand: ...verbanden Wir sie ehelich mit dir ... (33:37)

Diese Heirat hatte nichts mit Lust und Leidenschaft zu tun, sondern war eine sehr harte Prüfungen, der der Prophet unterzogen wurde. Aischa berichtete später: "Hätte der Gesandte Gottes jemals den Wunsch gehabt, etwas von dem, was ihm offenbart wurde, zu verschweigen, dann hätte er mit Sicherheit diesen Vers verschwiegen."[2]

Dschuwayriya bint Harith, die Tochter von Harith, dem Oberhaupt des Stammes der Banu Mustaliq, geriet in muslimische Kriegsgefangenschaft, als die Muslime gegen ihren Stamm kämpften. Sie wurde, ebenso wie die übrigen Mitglieder ihrer stolzen Familie, zusammen mit den ‚gewöhnlichen' Leuten ihres Stammes eingesperrt. Als Dschuwayriya zum Propheten gebracht wurde, war sie, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Verwandten alles verloren hatten, völlig verzweifelt. Gegenüber den Muslimen empfand sie einen tief sitzenden Hass und Feindseligkeit. Der Prophet konnte den verletzten Stolz, die gekränkte Würde und das Leiden dieser Frau gut nachvollziehen. Er wusste, wie er sie wieder aufrichten konnte. Er erklärte sich damit einverstanden, das Lösegeld für sie zu zahlen, schenkte ihr die Freiheit und machte ihr einen Heiratsantrag. Wie gern Dschuwairiya dieses Angebot annahm, kann man sich leicht vorstellen.

Als die Ansar (die medinensischen Anhänger des Propheten Muhammad) und die Muhadschirun (die Emigranten) erfuhren, dass die Banu Mustaliq durch die Heirat nun zu Verwandten des Propheten geworden waren, schenkte sie etwa 100 weiteren Familien, die noch nicht freigekauft worden waren, die Freiheit. Ein Stamm, dem eine so große Ehre zuteil geworden war, durfte nicht länger in der Sklaverei verbleiben.[3] Auf diese Weise gewann der Gesandte Gottes die Herzen von Dschuwayriya und ihrem ganzen Stamm.

Safiya war die Tochter von Huyayy, einem der Oberhäupter des jüdischen Stammes von Khaybar, der die Banu Qurayza überredet hatte, ihren Vertrag mit dem Propheten zu brechen. Von Kindheit an wurde sie Zeuge einer tiefen Feindseligkeit, die ihre Familie und ihre Verwandten dem Propheten gegenüber hegten. Vater, Bruder und Ehemann verlor sie durch die Hand der Muslime, sie selbst geriet in Gefangenschaft.

Die Haltung und das Handeln ihrer Familie und ihrer Verwandten hätten sie eigentlich einen tiefen Hass auf die Muslime und ein großes Verlangen nach Rache verspüren lassen sollen. Drei Tage vor der Ankunft des Propheten in Khaybar und ihrer Gefangennahme während des Kampfes sah sie jedoch im Traum einen schimmernden Mond, der von Medina kam, sich in Richtung Khaybar bewegte und ihr schließlich in den Schoß fiel.

Später berichtete sie: "Als ich gefangen genommen wurde, begann ich zu hoffen, dass sich mein Traum erfüllen werde." Als sie als Gefangene zum Propheten gebracht wurde, ließ dieser sie großzügig frei und bot ihr an, entweder Jüdin zu bleiben und zu ihren Leuten zurückzukehren oder den Islam anzunehmen und seine Frau zu werden. "Ich wählte Gott und Seinen Gesandten", erzählte Safiya. Kurz darauf heirateten sie.

Nachdem sie in die Familie des Propheten aufgenommen worden war, erhielt auch Safiya den Titel ‚Mutter der Gläubigen'. Die Gefährten des Propheten verehrten und respektierten sie als ‚Mutter'. Sie wiederum sah mit eigenen Augen die Kultiviertheit und die aufrichtige Höflichkeit jener Männer und Frauen, deren Herzen und Gedanken sich Gott unterwarfen. Nun bewertete sie ihre früheren Erfahrungen neu. Sie wusste die große Ehre, eine Ehefrau des Propheten zu sein, zu schätzen. Infolge dieser Heirat änderte sich auch die Haltung vieler Juden, da sie nun den Propheten aus der Nähe betrachten und kennen lernen konnten.

Sawda bint Zam'a war die Witwe eines gewissen Sakran. Sakran und Sawda hatten ebenfalls zu den Ersten gehört, die den Islam annahmen und nach Abessinien fliehen mussten, um der Verfolgung durch die Götzendiener zu entgehen. Sakran starb im Exil und hinterließ seine Frau vollkommen mittellos. Der Prophet Muhammad hatte zwar selbst Probleme, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sah aber nur eine einzige Möglichkeit, Sawda zu helfen. Er heiratete sie. Die Hochzeit fand einige Zeit nach dem Tod Khadidschas statt.

Hafsa war die Tochter von Umar ibn al-Khattab, dem späteren zweiten Kalifen des Islam. Ihr Mann, mit dem sie erst nach Abessinien und später nach Medina ausgewandert war, war an den Wunden gestorben, die er in einem Kampf für die Sache Gottes erlitten hatte. Daraufhin blieb sie eine Zeit lang allein. Doch wie schon Abu Bakr sehnte sich auch Umar nach der Ehre und der Gnade, dem Propheten in dieser Welt und im Jenseits nahe zu sein. So nahm der Prophet Hafsa schließlich zu seiner Frau, um die Tochter seines treuen Anhängers zu beschützen und zu unterstützen.

Diese Umstände und Motive lagen also den verschiedenen Ehen des Propheten Muhammad zu Grunde. Wir sehen, dass diese Ehen zum Ziel hatten, hilfsbedürftigen oder verwitweten mittellosen Frauen ein würdiges Dasein zu ermöglichen. Sie dienten dem Zweck, aufgebrachte oder verfeindete Angehörige von Stämmen zu beschwichtigen und ihnen Ehre zuteil werden zu lassen bzw. denjenigen, die einst Feinde gewesen waren, ein gewisses Maß an verwandtschaftlicher Verbundenheit und Harmonie zu schenken. Diese Ehen sollten zuverlässige und ungewöhnlich begabte Menschen, insbesondere einige außergewöhnlich fähige Frauen, für den Islam gewinnen. Sie zielten darauf ab, innerhalb des einenden Bandes des Glaubens an Gott neue Normen für die Beziehungen zwischen den verschiedenen Völkern zu etablieren und diejenigen Männer durch Familienbande zu ehren, die einst die ersten Führer der muslimischen Umma (der Gemeinschaft der Gläubigen) nach dem Tod des Propheten sein sollten.

Diese Ehen hatten überhaupt nichts mit Zügellosigkeit, körperlicher Begierde, Triebhaftigkeit oder mit irgendwelchen anderen der absurden und abscheulichen Anschuldigungen zu tun, die die erbitterten Feinde des Islam gegen den Propheten erhoben haben. Mit Ausnahme von Aischa waren alle Frauen des Propheten Witwen. All seine Ehen (abgesehen von seiner Ehe mit Khadidscha) wurden geschlossen, als er schon in fortgeschrittenem Alter war. Sie waren alles andere als Akte der Zügellosigkeit, sondern unterstrichen vielmehr die Selbstdisziplin Muhammads.

Ein letzter Punkt ist an dieser Stelle noch zu erwähnen: Die Vielzahl der Frauen, die dem Propheten gestattet wurde, stellte eine Ausnahme innerhalb des islamischen Gesetzes dar, die ihm allein vorbehalten war. Kein anderer Muslim darf mit mehr als vier Frauen gleichzeitig verheiratet sein. Als die Offenbarung, die die Polygamie beschränkte, kam, waren die Ehen des Propheten schon alle vollzogen. Danach war es auch dem Propheten untersagt, ein weiteres Mal zu heiraten.


[1] Bukhari, Tawhid, 22
[2] Bukhari und Muslim
[3] Ibn Hanbal, Musnad, 6, 277