Montag, 13. Oktober 2008

Zur Wahrheit mahnen und zur Geduld

Sure 100: Die Renner
Sure 101: Die Pochende
Sure 102: Das Streben nach mehr
Sure 103: Der Nachmittag
Sure 104: Der Verleumder

Mit ihren drei Versen ist die Sure 103 Der Nachmittag die kürzeste Sure im Koran. Sie teilt diesen Rang zwar mit den ebenfalls dreiversigen Suren 108 und 110, nimmt aber trotzdem eine prominente Stelle ein, weil es unter den ersten Gefährten des Propheten wohl Sitte war, sich diese Sure beim Abschied zu sagen.

Bei dem Nachmittag!
Siehe der Mensch ist wahrlich verloren,
außer denen, welche glauben und das Rechte tun,
und einander zur Wahrheit mahnen und zur Geduld.


Andere Übersetzungen sagen Bei der vergehenden Zeit, das würde die Szene der zwei voneinander Abschied nehmenden Menschen noch deutlicher hervortreten lassen. Sie gehen mit dem Blick auf die sinkende Sonne auseinander. Dabei erinnern sie sich gemeinsam an einen weiten Weg, den die Sure mit ganz wenigen Worten beschreibt. Dieser Weg führt sie aus der Dunkelheit zum Licht – von der Vergänglichkeit der Zeit und der Verlorenheit des Menschen zum Trost des Glaubens und am Ende schließlich hin zu der Aufforderung, sich gegenseitig auf diesem Weg zu bestärken.

Sich gegenseitig zur Wahrheit zu ermahnen und zur Geduld, das könnte man als Aufgabe jeder Freundschaft ansehen, unabhängig davon, an was man glaubt. Wer alles drei kennt, Wahrheit und Geduld und dazu einen Freund, der mit gutem Rat den Weg zu beidem finden hilft, der wird eine Mitte halten können zwischen einer kalten und unduldsamen Wahrheitsbesessenheit und einer passiven, gleichgültigen Duldermentalität.

Ich bin sicher, daß wir in allen Religionen Menschen finden und bewundern können, die ihren Lebensweg auf einer solchen geraden Linie zwischen Wahrheit und Geduld gehen. Vielleicht ist es eine Aufgabe der Zukunft, nach solchen Menschen bewußt zu suchen und ihr Beispiel vielen zu zeigen. Nur so kann die Erkenntnis wachsen, daß glaubende Menschen nicht nach Radikalität streben. Sie streben nach Weisheit.

Kommentare:

Nureddin Öztas hat gesagt…

Lieber Herr Runkel,
der Nachmittag der wohl aus der Henning Übersetzung stammt ist eine der möglichen Übersetzungen für das Wort " Asr". Der Nachmittag, der das Ende des Tages ankündigt ist mit dem Morgen der bedeutendste Teil des Tages, auf die Gebete zu dieser Zeit kommt eine besondere Bedeutung zu. Andere Kommentatoren haben "Asr" als Zeit übersetzt.
Gott schwört in dieser Sure auf die "Asr" die manche wiederum als die Zeit allgemein interpretiert haben, andere als die letzte Zeit, die sozusagen, als Finale der Prüfung, eine besondere Rolle in der Menscheitsgeschichte einnimmt.
Gott hat es nicht nötig zu schwören, warum schwört Gott könnte man fragen. Nun erstens eine Korrektur bei den Menschen vorzunehmen und zweitens um eine dem Schwur folgende Stelle besonders hervorzuheben, eben das Besondere an der Zeit. Die Korrektur ist, bei den verschiedenen Völkern, im arabischen Raum auch, war und ist es weit verbreitet bestimmte Zeiten für verflucht oder unglücklich zu bezeichnen. Freitag der 13. zum Beispiel im Westen. Der Nachmittag wurde von den alten Mekkanern auch als eine unglückliche Zeitabschnitt angesehen. Daneben wird durch die Schwur Gottes in der Sure auf eine sehr wichtige Menschengruppe aufmerksam gemacht.
Es sind die jenigen standhaften Menschen, die in Wiederholungen der Zeit, trotz Repressalien, weltlichen Reizen, nicht vom "rechten Weg" abkommen. Mehrere Hadithe bestätigen diese Bedeutung. Zum Beispiel diese: "Gariplere müjdeler olsun, onlar halkin fesada saldigi ve bozgunculuk yaptigi günlerde islah icin calisirlar" (Glückwünsche den armen-kleinen Menschen, die in einer Zeit in der die Aufruhr und Unglauben herrscht die Menschen zu Ordnung und Glauben aufrufen.) In einem weiteren Hadith sagt der Prophet, am Tag des jüngsten Gerichts wird es eine Gruppe von Menschen geben, die wie Propheten behandelt werden, ohne daß sie es tatsächlich sind. Selbst die Propheten werden sich wundern über diese glücklichen Menschen. Diese aufrichtigen Menschen werden also hier mit dem Schwur in der Sure vom Gott hervorgehoben. Diese Menschen verpflichten sich völlig uneigennützig dem Wohle der Menschheit sowohl für ihr Diesseits als auch für deren Jenseits. Sie sind Friedensstifter und verwandeln, im Gegensatz zu den, die Welt an den Rand des Ruins bringen. Sie haben für sich den inneren Frieden gefunden, handeln nur im Sinne des Guten und sie öffnen den anderen damit die Augen. In der Hoffnung diese Gruppe anzutreffen und ein Mitglied darin zu sein verbleibe ich.

Mit freundlichen grüßen,

Nureddin Öztas

Peter Oberschelp hat gesagt…

Wer alles drei kennt, Wahrheit und Geduld und dazu einen Freund, der mit gutem Rat den Weg zu beidem finden hilft, der wird eine Mitte halten können zwischen einer kalten und unduldsamen Wahrheitsbesessenheit und einer passiven, gleichgültigen Duldermentalität.

Natürlich halte ich mich beim Lesen vor allem an der dritten Position, der des Freundes, fest. Unwillkürliche denke ich, wenn auch nur verschwommen, an einige mir zeitlebens liebe klassische Westernfilme von John Ford oder Howard Hawks. Die Filme von John Ford und anderen spielen ja nicht selten im Milieu frommer Sektenleute, bei Howard Hawks und eigentlich bei allen anderen auch ist fast durchgängig das Freundschaftsmotiv dominierend. Den geraden Weg gehen, möglichst lange in tolerantem Dulden, nie aber sich wirklich von der Wahrheit fortdrängen lassen, das macht den klassischen Westernhelden aus.

Bevor ich an den Rechner gegangen bin, hatte ich zum ruhigen Ausrauchen meiner Abendzigarre, ein Stück aus einem allerdings insgesamt weniger gelungenen Exemplar mit James Steward gesehen, der wie vielleicht kein anderer die beiden Pole auch über eine extreme Distanz zusammenhalten konnte. Er hat in dem Film unendlich viele mehr oder weniger erwachsene Söhne und auch ein oder zwei Töchter, vielleicht schau ich gleich noch einmal, ob es auch einen spezifischen Freund gibt. Zumindest hat er eine Frau, die schon seit sechzehn Jahren tot, für ihn aber immer noch anwesend ist. Das ist auch schön.