Donnerstag, 2. Oktober 2008

Regeln für den Kampf

Sure 46: El-Akhaf
Sure 47: Mohammed
Sure 48: Der Sieg
Sure 49: Die Gemächer

Die Sure 47 enthält die unter Christen häufig zitierten Drohworte: wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt. (Vers 4) Andere Übersetzungen sagen: schlagt ihren Nacken, zerschlagt ihn. Es ist deutlich, daß es sich hier um eine kriegerische Haltung handelt, um Aggression.

Gilt diese blutige Anweisung auch in Friedenszeiten? Ruft sie die Moslems auf, sich sozusagen kollektiv als sleeper unter die Ungläubigen zu mischen und auf die Gelegenheit zu warten, den Befehl aus Sure 47, Vers 4 auszuführen?

Drei Dinge sprechen gegen diese Auslegung. Zunächst die Ausleger: sie sagen, daß diese Sure für den historischen Kampf gegeben wurde, den Kampf der Moslems in Medina gegen ihre Feinde in Mekka, in den Jahren zwischen 622 (Auswanderung nach Medina) und 630 (siegreiche Rückkehr nach Mekka). Für das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen in anderen Phasen der Geschichte haben die Nachfolger Mohammeds ganz andere Regeln.

Der zweite Grund ergibt sich beim Lesen des Korans eigentlich von selbst. Etwa 460 Seiten (von insgesamt 575) hat man gelesen, wenn man zu Sure 47 Vers 4 gelangt, das sind vier Fünftel. Bis auf ganz wenige von ihnen enthält jede einzelne Seite davon die immerwährende Klage gegen den starren Widerstand der Ungläubigen. Dieser Widerstand soll durch die Predigt des Propheten überwunden werden, durch sein Ringen um geistige und geistliche Anerkennung, durch seine Bilder von Himmel und Hölle und letztlich - durch die Herabsendung des Korans.

Wäre die Ausbreitung des Glaubens unter Anwendung von Gewalt eine Alternative zu dieser mühseligen Missionarsarbeit, so hätte man sich - platt gesprochen - diese 460 ersten Seiten sparen können. Herunter mit dem Haupt - die Ungläubigen werden dezimiert und der eingeschüchterte Rest von ihnen wird Moslem unter Zwang.

Aber so denkt der Koran nicht. Er will den Menschen der rechtschaffen handelt (Sure 46, Vers 14), und das heißt, sagt mein Searchtruth-Kommentar, daß er in Übereinstimmung von guten Taten und lauteren Motoven lebt. Dazu kann man niemanden zwingen.

Als Drittes und Wichtigstes sehe ich das Zeugnis der Moslems selbst. Sie sagen uns immer wieder, das der Glaubenskampf sich nicht gegen die Un- oder Andersgläubigen richtet. Ich glauben vor allen Dingen denjenigen gerne, die es mir als meine langjährigen Nachbarn und Mitbürger meiner Stadt sagen und bin davon überzeugt, daß ein in friedlicher Absicht gelesener Koran ebenso wie eine in friedlicher Absicht gelesene Bibel helfen können, das aggressive Potential, das in einzelnen Menschen und in ganzen Gesellschaften steckt, in Grenzen zu halten.

Kommentare:

Nureddin Öztas hat gesagt…

Lieber Herr Runkel,
wie der Islam zu Gewalt und Selbstverteidigung steht hatte ich Ihnen erläutert. Aggressive Gewalt ist eine grosse Sünde " wer einen Menschen tötet, hat die gesamte Menschheit getötet" heisst es. Die Gewalt ist höchstens toleriert zu Verteidigungszwecken. Aber auch dafür gibt es viele Bedingungen wie, Unschuldige dürfen nicht geschädugt werden oder Einzelne Personen, Gruppen können keinen Krieg ausrufen etc. Doch leider gibt es auch Fanatiker, die ihre Motivation aus der Religion ziehen, unbestritten. Dieses Gewaltpotential die eine menschliche Realität ist, findet man unter allen Religionen, Kontinenten und Völkern. Also kann die Gewalt nicht mit Islam in Verbindung gebracht werden, sondern mit der niederen Stufe der menschlichen Natur.Die Religionen, sollen gerade diese Natur zähmen, bei der ganz großen Mehrzahl an Gläubigen gelingt dem Islam auch dieses Gebot. Folgender Text von Gülen soll uns verdeutlichen wie die islamische Sicht auf dieses Thema entschieden ist.

Mit lieben Grüßen,

Nureddin Öztas
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Die Verwandlung der Erde in eine Wiege der Liebe
Geschrieben von Die Fontäne, Oktober-Dezember 2002
Dienstag, 01 Oktober 2002
Die Epoche, die mit der Renaissance eingeläutet wurde und die letzten 500 Jahre der Menschheitsgeschichte umfasst, ähnelt durchaus vielen vergangenen Epochen. Neben vielem Guten und Schönen hat auch sie ein beträchtliches Maß an Unrecht und Grauen hervorgebracht - zwei Flüsse, die unabhängig voneinander durch die Zeit fließen. Das tragende Konzept dieser Epoche, das zum Teil als eine Reaktion auf die Gedankenwelt des Mittelalters entstand und der Moderne - den letzten 500 Jahren - ihre vorherrschende Farbe verlieh, lautet: Der Mensch ist das Zentrum der Schöpfung.

Ganz unabhängig davon, ob der Mensch als ein dominierendes Paradigma oder im Menschenbild und in der Gedankenwelt ins Zentrum gerückt wird, ist nicht zu übersehen, dass alle Probleme auf der Welt mit ihm beginnen und enden. Denn der Mensch besitzt die Freiheit, sich zwischen Richtig und Falsch, Gut und Böse, Schönem und Hässlichem und damit auch zwischen Tausenden von Schattierungen dieser polarisierten Werte entscheiden zu dürfen. Anschließend steht es ihm ebenso frei, sich seiner Wahl entsprechend zu verhalten. Keine anderen Lebewesen, zumindest nicht die sichtbaren, verfügen über dieses besondere Privileg. Vor dem Erscheinen des Menschen und in Regionen, die außerhalb des Bereichs seiner Zerstörungskraft liegen, herrschen ein bemerkenswerter Friede, Harmonie und eine Ruhe, die mit Worten kaum zu beschreiben ist. Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das sein Leben, das Leben anderer und sogar die ganze Erdoberfläche in einen Himmel oder in eine Hölle verwandeln kann. Seitdem der Mensch die Erde bevölkert, ist er gleichzeitig Subjekt und Objekt seiner eigenen Aktivitäten. Aber nicht nur im Zentrum des Lebens auf Erden, sondern auch im Zentrum allen kosmischen Lebens hat der Mensch seinen Platz gefunden.

Ja, in der Tat, der Mensch hat seinen Platz nicht nur im Zentrum des Lebens auf Erden, sondern auch im Zentrum allen kosmischen Lebens eingenommen, weil er die Frucht der Schöpfung ist. So wie alle Aktivitäten eines Baumes und dessen ganzes Leben auf seine Früchte hin ausgerichtet sind, war der Mensch der Zielpunkt aller Entwicklungsstufen der Schöpfung seit dem Urknall - sofern dieser Begriff nicht allein auf eine Theorie beschränkt ist. Schließlich, als die Zeit für den Auftritt des Menschen auf der Bühne der Schöpfung gekommen war, teilte Gott dem Koran zufolge den Engeln mit, dass von nun an ein Statthalter die Erde vervollkommnen und regieren würde. Als die Engel erkannten, dass der Mensch über ein großes Potenzial verfügt, das er positiv oder ne-gativ zum Guten oder zum Bösen nutzen kann, und als sie begriffen, dass der Mensch ein Geschöpf mit zwei Seiten ist, das in seinen Entscheidungen frei ist, ahnten sie aller Wahrscheinlichkeit nach bereits, dass Unheil und Blutvergießen von ihm ausgehen würden. Sie fragten den Schöpfer: "Wirst Du jemanden dorthin (auf die Erde) schicken, der Unheil anrichten und Blut vergießen wird, während wir Dich doch mit unserem Lobpreis anbeten und erklären, dass Du der Heilige bist?" Die Antwort, die Gott den Engeln auf diese Frage gab, ist von einer Qualität, die die wahre Natur und die wahre Funktion des Menschen auf den Punkt bringt:

Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor die Engel und sagte: "Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!" Sie sprachen: "Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast; wahrlich, Du bist der Allwissende, der Weise." Er sprach: "O Adam, nenne ihnen ihre Namen!" Und als er ihnen ihre Namen nannte, sprach Er: "Habe Ich nicht gesagt, dass Ich das Verborgene der Himmel und der Erde kenne, und dass Ich kenne, was ihr offenbart und was ihr verborgen gehalten habt." (2:31-33)

Diese Verse enthüllen das wahre Wesen des Menschen und erläutern uns, welche Funktion wir auf der Erde erfüllen. Der Mensch wurde mit vielen Fertigkeiten und unterschiedlichen Gefühlen erschaffen. Wenn er andere Geschöpfe kennen lernt, kann er sie beherrschen und sich die Erde zu einem bewohnbaren Aufenthaltsort herrichten. Die hier zitierten Verse weisen unmissverständlich darauf hin, dass dem Wissen in diesem Punkt eine Schlüsselrolle zukommt.

Das Wissen ist der entscheidende Faktor, der den Menschen von anderen Geschöpfen unterscheidet. Damit wir uns die Essenz des Wissens und die Gefahr, die von ihm ausgehen kann, noch aus einer anderen Perspektive vergegenwärtigen, möchte ich an dieser Stelle auch zwei Verse aus der Bibel zitieren:

Dann sprach Gott, der Herr: "Seht, der Mensch ist geworden wie Wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt! Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg, damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war. (Genesis, 3:22-23)

Der Mensch, dem zahlreiche Fertigkeiten und insbesondere die Fähigkeit zu lernen verliehen wurden, wurde auch mit vielen Wünschen, Begierden und Gelüsten erschaffen. Diese Wünsche, Begierden und Gelüste dienen ihm als eine Grundlage für viele Tugenden, die er sich dadurch erwerben kann, dass er sich um das Gute, die Schönheit und die Wahrheit bemüht. Solange sich der Mensch jedoch nicht von dem Einfluss negativer Faktoren wie Selbstverliebtheit und Egoismus befreit, wirken diese Wünsche, Begierden und Gelüste wie eine Bombe, die die Welt in eine Hölle verwandeln können. In den letzten 500 Jahren seiner Geschichte hat der Mensch auf dem Feld des wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts unter der Führung der westlichen Welt tatsächlich gewaltige und beeindruckende Schritte nach vorn gemacht. Gemessen an diesen großen intellektuellen Fortschritten hat er aber Herz und Geist schwer vernachlässigt. Der Mensch hat sich selbst im Vertrauen auf Wissenschaft und Fortschritt quasi in den Rang eines Gottes erhoben, was ja auch die oben zitierten Verse aus der Bibel zum Ausdruck bringen. In der Vergangenheit wurden zwar tatsächlich aus religiösen Gründen Kriege geführt. Im Zuge der wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung wurde die Welt jedoch von zwei Weltkriegen, permanenten regionalen Konflikten, unüberbrückbaren ökonomischen Abgründen zwischen einzelnen Menschen und Ländern, politischen Streitigkeiten, Morden, Genoziden, Umweltproblemen, Rassismus, Separatismus und Terror in ihren Grundfesten erschüttert.

Ich glaube fest daran, dass Erziehung und die Aufnahme eines Dialogs zwischen den Anhängern der Religionen diesen Katastrophen ein Ende bereiten und die Welt in eine ,Wiege der geschwisterlichen Liebe' verwandeln können. Ich spreche hier aber nicht von einer religiösen Erziehung, die die Nutzung von Verstand, wissenschaftlichen Erkenntnissen und experimentellen Verfahren ablehnt, von einer religiösen Erziehung, die zu einem dogmatischen Verständnis tendiert, das Bigotterie und Fanatismus Tür und Tor öffnet. Es geht mir auch nicht um eine Erziehung, die allein auf Rationalismus, Positivismus und Materialismus beruht, um eine Erziehung, die das Leugnen Gottes und den Atheismus fördert und es zulässt, dass Wissenschaft und Technik die Erde in eine Hölle oder in eine Arena verwandeln, in der Ströme von Blut fließen. Stattdessen sollten Verstand, Geist und Herz gleichermaßen geschult werden. Ich befürworte eine Erziehung, die dem Menschen morali-sche Werte schenkt, die ihn lehrt, sich kultiviert zu verhalten, eine Erziehung, die ihm Wissen vermittelt und die ihn mit Tugenden schmückt.

Eigentlich ist die Religion eine sehr wirksame Barriere, die die Welt vor Kriegen, Anarchie und Terror schützt. Tugenden wie Liebe, Barmherzigkeit, Mitleid und Uneigennützigkeit gediehen zumeist in den ,Gärten' der Religionen; und die Religionen waren es auch, die für diese Tugenden Maßstäbe setzten. Im Koran heißt es beispielsweise:

Deshalb haben wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet. (5:32)

Darüber hinaus zielt die Religion darauf ab, dass Anarchie und Aufruhr aus der Welt verschwinden. Die Gerechtigkeit ist ein genauso wichtiges Prinzip wie der religiöse Glaube. Leider hat es immer wieder Kriege gegeben, in denen die Religion missbraucht wurde. Doch in der Gegenwart hat die Akzeptanz des Säkularismus, der die Freiheit von Gedanken, Glauben und Gewissen garantiert, u.a. zumindest dazu geführt, dass Schwerter, die im Namen der Religion wurden, wieder zurück in die Scheide gesteckt werden. Damit hat er eine erste Basis für engere Beziehungen zwischen Menschen und Gesellschaften mit unterschiedlichen Auffassungen und Glaubensgrundsätzen geschaffen.

Obwohl die Menschenrechte oft nicht mehr als ein Schlagwort sind, sind sie inzwischen von den meisten Ländern der Welt anerkannt worden. Und auch die universellen moralischen Werte und menschlichen Prinzipien, die - wenn auch nicht praktisch, so doch zumindest theoretisch - im Verlaufe der Menschheitsgeschichte stets hoch gehalten wurden, genießen inzwischen Akzeptanz. Diese Akzeptanz von Menschenrechten und allgemein gültigen Prinzipien bildet eine zweite Basis für die Kooperation aller Menschen und für Frieden, Verständigung und Harmonie auf Erden.

Beide Basen bieten uns die Chance, Brücken zu schlagen - nicht nur zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionen, sondern auch zwischen allen Ländern und Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Rasse, Sprache, Glaube und Überzeugung. Daneben erlauben sie uns, dem Terror, einem der größten Probleme der Welt von heute, vorzubeugen. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Entwicklung der Welt zu einer ,freien Welt' mit nur einem Pol wurde eine wichtige Tür für diejenigen aufgestoßen, deren Bemühungen in diese Richtung zielen, insbesondere für die NGO's (die Nicht-Regierungsorga-nisationen).

Wenn der Mensch als ein Geschöpf, dessen Wesen von Tugend und Schönheit geprägt wird, durch diese Tür, die sich im Namen des Friedens geöffnet hat, hindurchgeht, wird er den Zweck seiner Erschaffung in all seinen wunderbaren Aspekten erkennen. Irgendwann muss ihm das zwangsläufig gelingen; anderenfalls ergäben die Schöpfung des Menschen und seine Aufgabe, als Statthalter Gottes auf Erden zu fungieren, keinen Sinn. Da ich aber davon ausgehe, dass Gott nicht sinnlos handelt, bin ich der festen Überzeugung, dass sich der Mensch eines Tages der Tugend und der Schönheit, die zu seinem Wesen gehören, zuwenden wird. Dann wird unsere alte Erde erleben, wie diese Eigenschaften aus eigener Kraft die Oberhand gewinnen. Jeder noch so kleine Schritt auf dieses feierliche Ziel hin ist aller Ehre und Hochachtung wert; wer ihn unternimmt, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach wäre eine solche Entwicklung eine der wichtigsten Bedingungen für einen Frieden, dessen Wellen alle Menschen, Gesellschaften, Länder und Nationen erreichen. Während die Regierungen und die offiziellen internationalen Organisationen ihren Pflichten im Namen des Friedens weiter nachkommen sollten, werden die Bürger und die NGO's ihrerseits alles tun, um Frieden zu schaffen.

Abgesehen von der einen oder anderen linken oder rech-ten extremistischen Gruppierung haben alle Intellektuellen der Türkei - Soziologen, Journalisten, Künstler, Politiker und Offiziere -, die sich kritisch mit den von NGO's ins Leben gerufenen Initiativen für Bildung, To-leranz und Dialog auseinander gesetzt haben, betont, dass diese Aktivitäten einen bedeutenden Beitrag zum Frieden in der Region und in der Welt leisten. Wenn unsere Anstrengungen die Früchte tragen, die wir uns von ihnen versprechen, wird das Leben des Menschen in der Welt wieder einen Sinn bekommen. Denn ich glaube, dass Gott denjenigen Menschen am meisten schätzt, der an Ihn glaubt und dem Wohle der Menschheit dient.

Peter Oberschelp hat gesagt…

Deshalb bin ich davon überzeugt, daß ein in friedlicher Absicht gelesener Koran ebenso wie eine in friedlicher Absicht gelesene Bibel helfen können, das aggressive Potential, das in einzelnen Menschen und in ganzen Gesellschaften steckt, in Grenzen zu halten.

Ich denke, die friedliche Absicht ist das entscheidende, und auch sie, genauer: ihre Möglichkeit ist wohl, wie die Demokratie, ein Produkt der Neuzeit. Meine historische Bildung ist gering, aber ich entsinne mich neben anderem an eine lang zurückliegende Lektüre der russischen Geschichte. Da war es war normal und auch unumgänglich, daß die Heere der einzelnen Stadtstaaten, der Einwohner längst getauft waren, in den geeigneten Jahreszeiten zum Feldzug ausrückten, anders ließen sie, die (unverzichtbaren: Mongolen und Tataren drohten) Heere, sich gar nicht finanzieren. Gleichzeitig waren bei Hof Gift und Mord zur Aufrechterhaltung der Macht, die allein gesellschaftliches, also gemeinsames, zielgerichtetes Handeln ermöglichte, unverzichtbar, Machiavelli hat das alles dann für die Verhältnisse seiner Zeit auf den Punkt und den Begriff gebracht. Die Friedensbotschaft des Evangeliums hatte sich noch keine gesellschaftlichen Verhältnisse geschaffen, unter denen die wirksam werden konnte.

Heute scheinen diese Verhältnisse hergestellt, Handel und Gewinn sind an die Stelle von Krieg und Tribut, Stimmabgabe ist an die Stelle von Fürstenmord getreten. Die Vorsichtigen aber weisen wohl nicht zu Unrecht auf die gleichsam in den Untergrund vertriebene, nunmehr strukturelle Gewalt hin, und die hat vermutlich erschreckende Ausmaße. Die gegenwärtige Finanzkrise läßt sich als ein Vulkanausbruch struktureller Gewalt lesen und zeigt, wie wenig wir Herr der Dinge sind, auch wenn es so aussieht, als seien es die unsrigen. Das mag und wird sich für dieses Mal und für weitere Male auspendeln, aber abgeschafft ist der Jüngste Tag nicht. Anders als ursprünglich angenommen, scheint es Gottes Wille zu sein, daß der Mensch ihn selbst herbeiführt.